Traumtänzer?

object1.jpg In den letzten Wochen entdecke ich im Internet (und in zwei Fotozeitschriften) nicht nur einen Wettbewerb in dessen Bedingungen steht „Bilder dürfen nur mit dem Auge der Kamera aufgenommen werden“ oder „die Bilder dürfen nicht bearbeitet werden“. Nun ist es ja rührend, wenn einige Veranstalter den alten Zeiten hinterher heulen und solche Wettbewerbe veranstalten.  Nur sollte der Veranstalter dann auch die Kenntnis haben, diesen Wettbewerb umzusetzen. Doch oft hat er selbst keine Ahnung, was er da so aus der Feder in seine Bedingungen einfließen lässt. Wenn in dieser Sparte SW zugelassen ist, dann frage ich mich, was da noch mit dem Auge der Kamera ist? Oder wie ein Juror feststellen will, ob dieses Bild nicht einfach mit Silver Efex Pro umgewandelt wurde. Interessant wird es, wenn das Ergebnis zu sehen ist: Bilder, denen schon ein Blinder ansieht, daß sie mit Viveza 2 oder Color Efex bearbeitet wurden. Einige dieser Effekte müssten sogar schon zu diversen Veranstaltern und Juroren durchgedrungen sein. Wer kein RAW anfordert, der sollte auf solche Wettbewerbe verzichten, wenn er sich nicht fürchterlich bei Insidern blamieren möchte.Ehrlich gesagt, bei einem Wettbewerb ist es mir völlig egal, wie dieses Bild entstanden ist. Es sollte eine Idee oder Aussage transportieren oder es muss formal gut gestaltet sein. Ein Wettbewerb möchte neue Ansichten, künstlerische Fotos und keine banale Realität. Ist die „Realität“ perfekt festgehalten (was wenige können, sonst würden nicht so viele Fotografen zu Programmen greifen) dann wird dieses Foto überall gewinnen. Der eine bleibt seinem Vorsatz treu „ich ändere nichts per Programm am Bild“, der andere findet seinen Spaß daran, ein Bild aus hunderten Teilen zusammenzusetzen. Wichtig wäre es, wenn Veranstalter manchmal etwas mehr Ahnung von den Möglichkeiten der Fotografie hätten oder den Juroren schlicht und einfach erklären könnten, was sie eigentlich mit ihrem Thema meinen. Juroren vor ihre „10er-Tastaturen“ zu setzen mit der Aufforderung „mach mal“ reichen da längst nicht mehr.Ein Bild, das so aus der Kamera kommt, bzw. vom Speicherchip, wie es sich ein Veranstalter manchmal vorstellt, wird es ab der Photokina 2010 noch weniger geben. Dann werden die Diskussionen weiter aufflammen „was ist ein echtes Bild“. Denn zu diesem Zeitpunkt kann ich bereits per SLR tiefgreifend in mein Bild eingreifen  – und das nicht erst durch ein späteres Programm. HDR ohne Stativ – kein Problem! Und einige Programme werden dann Grafik, Malerei, Fotografie und Film noch mehr bündeln. Dies dient dem Spaß an der Fotografie (den man oft vergisst). Ob einige Traumtänzer dann immer noch glauben, „dies ist ein Bild direkt aus der Kamera“ gehört dann eher schon in das Land der Träumer. Geh ich ins Kino, will ich lachen, heulen, mich gruseln oder emotional berührt sein. Erreicht er dies, ist es mir scheissegal, wie oft er digital bearbeitet wurde. Beim Foto ist es bis dahin noch ein langer Weg. Nachtrag: Ich spreche hier von Wettbewerbsfotos, nicht von Reportage- Wildlife- oder Streetlife-Fotos, die in einer Zeitschrift erscheinen und möglichst nicht bearbeitet sein sollten. Diese Gattung kommt aber bei kleineren Wettbewerben, VÖAV oder DVF-Wettbewerben so selten vor, daß man darüber nicht zu diskutieren braucht. Bei internationalen Wettbewerben kommen solche Fotos – ausgenommen Wildlife – eher selten aus Deutschland oder aus Österreich.

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Über Detlev Motz

Jahrgang 1946, gelernter Verlagskaufmann, 10 Jahre bei READER DIGEST, 25 Jahre Redakteur bei COLOR FOTO, diverse Bücher, Kodak Fotobuchpreis 1999 für "Kreative Bildgestaltung in der Fotografie", TV-Serie, DAS ABC DER FOTOGRAFIE. Seit 20 Jahren mit meiner Frau zusammen, die ebenfalls gerne und sehr gut fotografiert.

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